mutter tochter feld h3 564

Eine junge Hoteldirektorin kam einst in die Praxis eines Psychologen. Die erste Sitzung war getränkt von den Tränen der erfolgreichen Managerin. In der zitternden Hand hielt sie ein verblichenes Bild, auf dem die Frau mit ihrer Mutter Hand in Hand durch ein Maisfeld bummelte.

Ihre Geschichte lautete wie folgt:

In einer kleinen Stadt im Münchner Umland wurde vor etwas über drei Jahrzehnten Jahren eine bezaubernde Tochter geboren. Der Vater arbeitete als Sachbearbeiter bei einer Krankenversicherung, die Mutter halbtags an der Rezeption des örtlichen Hotelbetriebes.

Die Jugend des Mädchens verlief voller Glück. Immer wenn sie von der Schule heimkam, wartete ihre Mama mit dem Essen auf sie. Punkt 15.45 Uhr trat Papa zur Haustür herein und wirbelte sein Töchterchen durch die Lüfte. Den Rest des Tages spielten oder musizierten sie zusammen oder unternahmen kleinere Ausflüge. Jeden Abend dachte sich Mama eine neue Geschichte aus und erzählte sie der Tochter flüsternd im Bett. So ging es viele Jahre lang.

München und sein Umland sind eine reiche Region, auch die Familie wohnte in einer wohlhabenden Gegend. Als das Mädchen in die Pubertät kam, wurde ihm bewusst, dass praktisch alle Nachbarn und Mitschüler größere Häuser, weitläufigere Grundstücke und teurere Autos besaßen. Sicher, sie hatten alles zum Leben, machten ein bis zweimal Urlaub im Jahr. Aber alles war bei ihnen eine Nummer kleiner.

Je länger das Mädchen sich so mit ihrem Umfeld verglich, umso deutlicher wurde ihr, dass seine Eltern wohl als Versager durchs Leben schritten. Alle anderen Eltern hatten – ganz offenkundig – wesentlich mehr in ihrem Leben erreicht.

Wieso hatte ihr Vater nicht etwas gelernt, wo man ordentlich Geld mit verdient? Warum hatte es ihre Mutter nicht weiter als hinter die Rezeption eines Hotels geschafft?

Ab diesem Zeitpunkt veränderte sich das Zusammenleben in der Familie. Das Mädchen wurde immer kritischer gegenüber ihren Eltern, zweifelte alles an, kritisierte, mäkelte und verbrachte kaum noch Zeit zuhause.

Sie versuchte fortan alles, von ihrer vermeintlich ärmlichen Herkunft vor ihren Freundinnen zu verbergen, die sich alle – ausnahmslos alle – jede Woche neue Klamotten kauften. Sie beleidigte ihre Eltern und wies ihre Bemühungen um Nähe von sich. Wie hatten die nur solche Loser werden können?

Nach einem weiteren heftigen Streit zog das Mädchen – kaum volljährig geworden – in eine eigene Wohnung. Sie verließ das Elternhaus mit den Worten, dass sie mit solchen Verlierern in ihrem Leben nichts mehr zu tun haben wolle.

Das Mädchen lernte in einem Hotel und studierte parallel Touristik. Die Briefe ihrer Eltern ignorierte sie konsequent. Diese wurden mit der Zeit seltener und hörten schließlich ganz auf. Ein Jahr nach ihrem Studienbeginn starb ihr Vater.

Nach dem Studium kletterte das Mädchen wie geplant die Kariereleiter rasch höher und gründete eine eigene Familie. Nachdem ihr Sohn geboren wurde, meldete sich ihre Mutter wieder öfter. Sie wollte das Kind so gerne einmal sehen.

Doch in der Tochter gärte nach wie vor noch solch eine Abneigung aufgrund des elterlichen Versagens, dass sie den Besuch der Mutter immer wieder nach hinten verschob. Irgendwann musste sie nicht mehr schieben, denn als ihr Sohn gerade ein Jahr alt geworden war, erlag ihre Mutter einem Schlaganfall.

Wie es der Zufall wollte, wurde just zu diesem Zeitpunkt die Stelle des Hoteldirektors in ihrer Heimatstadt frei. Genau in dem Hotel, in dem auch ihre Mutter gearbeitet hatte. Einen Moment überlegte sie, ob ihr das zum Nachteil gereichen könnte. Ihre Mutter nur Rezeptionisten, nun wollte die Tochter Hoteldirektorin werden? Sie würde es auf einen Versuch ankommen lassen und bewarb sich.

Die junge Frau erhielt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Der Personalchef begrüßte sie mit den Worten, dass nun wohl die Tochter das nachholen würde, was die Mama nicht gewollt hatte.

"Bitte, ich verstehe nicht ganz? Meine Mutter war hier doch an der Rezeption beschäftigt."

"Wohl wahr. Aber auch ihr wurde einst die Stelle zum Direktor dieses Hotels von den Eigentümern angetragen. Dann aber wurden Sie geboren und ihre Mutter lehnte ab. Statt Geld und Karriere hat sie lieber das Aufwachsen ihrer Tochter begleiten wollen. Den Eigentümern hat das damals gar nicht gepasst, fast hätte man sie entlassen.

Aber egal, Sie scheinen aus anderem Holz geschnitzt zu sein, kommen wir zu Ihren Zeugnissen. Die sind ja ganz vorzüglich, vor allem ..." Doch die künftige Hoteldirektorin hörte schon gar nicht mehr zu.

Peter Bödeker

Der Beitrag ist eingeordnet unter: