Weihnachtsgeschichte Mutter muss es schaffenvon Anna Maria Metz

In der Nachkriegszeit waren Wohnungen sehr knapp. Meine Mutter wohnte 1949 mit uns beiden Töchtern mit im Haus unseres Onkels, dem Bruder unseres Vaters. Ich war fünf Jahre, meiner Schwester vier Jahre älter. Wir hatten dort im Haus eine kleine Wohnküche und ein Schlafzimmer. Die Familie meines Onkels bestand aus Onkel, Tante, zwei Cousinen, die sieben und zehn Jahre älter waren als ich, und zwei Cousins, jeweils ein Jahr jünger als meine Schwester und ich. Mein Onkel war Ostern 1949 erst aus russischer Gefangenschaft gekommen, mein Vater war immer noch vermißt. 

Anfang November wurde meine Mutter schwerkrank. Der Hausarzt behandelte sie auf Gelbsucht und überwies sie nicht in eine Klinik. Sie war lange krank, konnte deshalb nicht arbeiten, so daß wir kaum noch Geld hatten. Das kleine Kapital, das meine Eltern einst zum Bauen angespart hatten, war entwertet worden, so daß wir nun mittellos dastanden und auch wenig zu essen hatten.

 

 

Dann kam der Nikolaustag heran, der bei uns im Eichsfeld die Kinder bereits am Vorabend des 6. Dezember beschert. Meine Schwester, die ja schon wußte, daß die Eltern die Gaben des Heiligen Nikolaus kaufen mußten, hatte mich auf den Tag vorbereitet und mir erzählt, in diesem Jahr könne der Heilige Nikolaus nicht zu uns kommen, weil unsere Mama schwerkrank ist. Doch am Abend des 5. Dezember rief auf einmal unser Onkel von unten: „Annemarie und Waltraud, kommt schnell runter zu uns! Der Nikolaus ist da und hat auch für euch eine Kleinigkeit mitgebracht!“

Kaum hatten wir das vernommen, rannten wir auch schon hinunter. Freudestrahlend stand ich dann vor dem Nikolaus, sagte ihm ein Gedicht auf und bekam auch sofort ein Geschenk. Ich nahm an, daß Süßigkeiten in der Tüte waren, die er mir überreichte, damals durchaus noch nicht wieder selbstverständlich. Dennoch freute ich mich am allermeisten über eine Wurst, die ich ebenfalls von dem Heiligen Mann erhielt. Das ist mir deshalb so deutlich in Erinnerung geblieben, weil damals mein großer Cousin eine Rüge vom Nikolaus bekommen hat und als Geschenk einen „Wursteknüppel“, einen Stock, an dem eine harte Wurst hing. Ich lief ganz schnell zu unserer Mama ans Bett und erzählte ihr voller Freude: „Mama, wir haben wieder etwas zu essen. Der Nikolaus hat mir eine Wurst gebracht! Und Norbert hat den Wursteknüppel gekriegt.“ 

Leider wurde unsere Mutter noch lange nicht gesund. Der Hausarzt nahm sie schließlich mit in sein kleines Privatkrankenhaus im Nachbarort, wo sie bis kurz vor Weihnachten lag. Es wurde nicht besser mit ihr, sondern immer schlechter. Sie fühlte es wohl und sagte zum Arzt: „Wenn ich sterben muß, dann will ich wenigstens Weihnachten noch einmal zu Hause bei meinen Kindern sein.“

Der Arzt hatte immer wieder Einwände, wollte sie auf keinen Fall nach Hause bringen. Unsere Mutter ließ sich aber nicht halten. Sie bat meine Tante um Hilfe. Die kleidete sie zusammen mit meiner Schwester an, dann schleppten beide unsere Mutter zur Bushaltestelle, damit sie mit dem Bus nach Hause fahren konnten. Taxis gab es nicht, wir hätten auch kein Geld dafür gehabt.

Da lag sie nun am Heiligabend zu Hause, abgemagert bis auf achtzig Pfund. Auch das Christkind konnte nicht zu uns kommen. Wir freuten uns aber trotzdem, denn unsere Mama war ja wieder bei uns.

In der Kirche war die Weihnachtskrippe aufgebaut, dazu das „Nickemännchen“, wie wir sagten. Das war ein kleiner Negerjunge als Spardose für die Kinder der Dritten Welt. Warf man eine Münze hinein, so nickte er mit dem Kopf. Auch ich wollte gern etwas in das Nickemännchen stecken und bettelte bei meiner Mama um Geld. Endlich sagte sie: „Geh an den Küchenschrank, da liegt mein Portemonnaie, es sind noch 14 Pfennig darin. Teilt sie euch, jede gibt dem Nickemännchen sieben Pfennig, dann wollen wir dieses Jahr Weihnachten so arm sein wie das Jesuskind in der Krippe.“

Gesagt, getan! Ich war glücklich, daß auch ich den armen Kindern etwas schenken konnte, und berichtete zu Hause gleich Mama davon. Wenn auch das Christkind nicht zu uns kommen konnte, so hatte ich doch wenigstens in der Kirche meine Weihnachtsfreude gehabt. Aber was war das? Ich hörte doch das Christkind läuten? Da rief auch schon meine große Cousine, wir sollten schnell zu ihnen kommen. Das Christkind sei dagewesen und habe auch für uns etwas hingelegt.

Wie der Wind lief ich voraus und stand wie angewurzelt vor dem geschmückten Baum, der Weihnachtskrippe und den Geschenken für alle. Für mich hatte das Christkind einen kleinen Waschbottich mit Ständer und ein kleines Waschbrett für meine Puppenstube gebracht. Meine Schwester bekam einen geheimnisvollen Brief und auch ein paar Süßigkeiten. Wir hatten wieder Geld!

Als ich etwas älter war, erzählte mir meine Schwester das genauer: Unsere älteste Cousine hatte uns die Weihnachtsüberraschung beschert. Vor kurzem hatte sie eine Arbeit in der Zigarettenfabrik begonnen und von ihrem ersten Geld die Geschenke für mich gekauft. Im dem Briefkuvert aber für meine Schwester war der gesamte restliche Lohn unserer Cousine. Sie gab es uns, damit wir das Nötigste zum Leben kaufen konnten!

Als das Weihnachtsfest vorbei war, schrieb der Hausarzt endlich eine Überweisung für meine Mutter ins Kreiskrankenhaus. Allerdings erst auf Drängen unserer Krankenschwester, einer Ordensschwester im Dorf, die ihm ins Gewissen geredet hatte. Am Tag der Heiligen Drei Könige, also am 6. Januar, kam sie in die Klinik. Die Ärzte konnten nicht begreifen, daß der Hausarzt sie nicht früher überwiesen hatte. Die Galle war ins Blut gegangen und die Leber war bereits angegriffen. Sie sah nicht mehr gelb aus, sondern richtig dunkelgrün wie die Galle. Dr. Gertler, der Chefarzt des Krankenhauses, operierte sie und tat alles Menschenmögliche für sie, hatte aber wenig Hoffnung, daß sie überleben würde. Doch meine Mutter klammerte sich an jeden Strohhalm. Sie bat alle, die in der Klinik in ihrer Nähe waren, für sie zu beten. „Ich muß es doch schaffen“, sagte sie, „was soll aus meinen Kindern werden? Sie haben doch keinen Vater mehr.“

Es beteten wirklich alle für sie, sogar laut auf ihren Zimmern während Mutters Operation. Alle auf der Station haben an ihrem und unserem Schicksal Anteil genommen und um sie gebangt. Nach etwa sechs Wochen schwieriger Genesung hatte Mutter es geschafft und konnte das erste Mal selbst über den Flur zur Toilette gehen. Der Stationsarzt rief alle Schwestern und Ärzte zusammen und sagte: „Dort geht sie hin, fast wie ein Wunder! Nur durch den Mut und ihren festen Willen hat es die Frau geschafft.“

Ende März konnte unsere Mutter das Krankenhaus verlassen. Es dauerte noch fast ein ganzes Jahr, bis sie sich wieder richtig erholt hatte. Sie konnte uns noch großziehen und war bis zu ihrem Tode 1989 immer für uns da. Unser Vater ist nie mehr aus dem Krieg heimgekehrt. Vermißt wurde er seit Januar 1945. In Ostpreußen, heute Polen, war er als Sanitäter eingesetzt gewesen. Trotz intensiver Bemühungen meiner Mutter, auch über das Rote Kreuz, konnte sie nie etwas in Erfahrung bringen.

Entnommen aus:

Unvergessene Weihnachten. Band 8 

38 besinnliche und heitere Zeitzeugen-Erinnerungen  

aus den Jahren 1932-2010. 

192 Seiten mit vielen Abbildungen, 

Ortsregister, Zeitgut Verlag, Berlin.  

Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen  

ISBN: 978-3-86614-210-7, EURO 7,90 

Taschenbuch-Ausgabe 

ISBN: 978-3-86614-211-4, EURO 5,90

 

Regelmäßige Verlosung dreier Bücher unter: www.zeitgut.de/gewinnspiel

 

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